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Armes reiches Land. Sozialstaat unter Druck

Schwerpunkt der Freien Radios Österreich | Di. 27.10. – Fr. 13.11.2026, jeweils 08:30 bis 09:00

Die vierzehn Freien Radios in Österreich widmen sich in ihrem diesjährigen gemeinsamen Sendeschwerpunkt dem Thema Armut.
Als Freie Medien haben wir den Anspruch, offen und inklusiv zu sein, Infrastruktur, Wissen und Medienkompetenzen zu teilen und so die Meinungsvielfalt und Beteiligung am Diskurs zu erhöhen. Armut ist ein zentrales Hindernis für gesellschaftliche Teilhabe. Armutsbetroffene haben faktisch weniger Möglichkeiten auf persönliche Entwicklung und Entfaltung. Der gigantische Gap zwischen Arm und Reich ist Ausdruck eines Gerechtigkeitsdefizits, das negative Folgen für die Demokratie hat. Wachsender Rechtspopulismus und Faschismus haben viel mit ökonomischen Verhältnissen zu tun.
Ist neben dem Sozialstaat auch der Rechtsstaat in Bedrängnis?
Diesen Themen wollen wir in unserem Sendeschwerpunkt 2026 auf den Grund gehen. Von 27. Oktober bis 13. November läuft in ganz Österreich auf jedem Freien Sender jeden Tag eine der vierzehn Sendungen. Die Freien Radios liefern so einen umfassenden Einblick in lokale Projekte, Lebensrealitäten, wissenschaftliche Debatten und globale Kämpfe.

In “Auf die Plätze, fertig – Einsparungen!” nimmt Harald Stockhammer vom Innsbrucker Radio Freirad die Hörer*innen mit auf einen historischen Rückblick in die Sozialgesetzgebung und die damit verbundenen Kämpfe und Dynamiken. Radio Agora aus Klagenfurt thematisiert unter Einbindung von Kindern und Jugendlichen Kinderarmut, denn in Österreich ist jedes vierte Kind von Armut und Ausgrenzung bedroht. Auch das Freie Radio Salzkammergut berichtet in “Jugend unter Druck” darüber, was Armut und Ungleichheit mit Kindern und Jugendlichen machen und warum das uns alle angeht. “Zwischen Pausenbrot und leerem Kühlschrank” des Campus & City Radio St. Pölten widmet sich den Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf Ernährung und Gesundheit. Im Beitrag “Armut und psychische Gesundheit – Wenn finanzielle Not zur Krise wird” beleuchtet Radio Freequenns die Auswirkungen von Armut auf das psychische Wohlbefinden bis hin zu suizidalen Krisen. Radio FRO aus Linz spricht im Beitrag “ar:m:ut – von dem Mut arm zu sein” darüber, was es bedeutet arm zu sein und was das mit Mut zu tun hat. Radio Ypsilon stellt angesichts von steigenden Lebensmittelpreisen und mehr working poor “Sozialmarkt und Sozialkarte” vor, zwei Projekte, die der wachsenden Armut in der Region Hollabrunn durch vergünstigte Lebensmittel und kostenlose Freizeitaktivitäten begegnen.

In “Reich an Leben – Arm an Möglichkeiten” thematisiert Radio MORA unsichtbare Armut im reichen Burgenland. Radio B138 aus Kirchdorf a. d. Krems blickt hinter die Kulissen von sozialen Einrichtungen im ländlichen Raum und holt die Perspektiven der Ehrenamtlichen im Beitrag “Soziales Engagement zwischen Blaulicht und Ehrenamt am Land” vors Mikro. Katrin Pachinger von der Radiofabrik begleitet in ihrer Reportage “Das bisschen Haushalt… – Alleinerziehend in Salzburg” eine alleinerziehende Mutter und beleuchtet ihren Alltag zwischen Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, Mental Load und finanziellen Herausforderungen. Radio ORANGE 94.0 nimmt in “Vom Roten Wien zum Rotstift-Wien?” das Budget der Stadt Wien unter die Lupe und thematisiert die unterschiedlichen Auswirkungen der Sparpolitik auf Arme und Reiche. “Gegen die Dankbarkeit gegenüber dem Sozialstaat” lautet der Titel eines Interviews des Grazer Radio Helsinki mit dem Autor, Publizisten und Dramaturgen Thomas Ebermann über die Bewirtschaftung des Menschenmaterials im Sozialstaat. Roland Steidl von Radio Freistadt spricht in “Geistige Verarmung in einer Überflussgesellschaft” mit Barbara Tröls vom Verein Sozialservice darüber, was es für ein gelungenes Leben wirklich braucht. “Was können wir von anderen Formen des Zusammenlebens lernen?” fragt Radio Proton die Friedensforscherinnen Julia Felder und Lisa Präg, die ihre Erfahrungen aus Secwepemchúluw/Kanada zur Rolle von Solidarität und gegenseitiger Verantwortung für die Gesellschaft teilen und einen Ausblick in ein besseres Morgen geben.

Hören Sie rein! Alle Sendungen sind hier auch als Podcast zum Nachhören verfügbar.

Programmübersicht:

DI 27.10. – Radio Helsinki: Gegen die Dankbarkeit gegenüber dem Sozialstaat

MI 28.10. – B138: Soziales Engagement zwischen Blaulicht und Ehrenamt am Land

DO 29.10. – Radio Ypsilon: Sozialmarkt und Sozialkarte

FR 30.10. – FREIRAD: Auf die Plätze, fertig – Einsparungen!

MO 02.11. – Radio Freequenns: Armut und psychische Gesundheit – Wenn finanzielle Not zur Krise wird

DI 03.11. – Campus & City Radio St. Pölten: Zwischen Pausenbrot und leerem Kühlschrank

MI 04.11. – Radiofabrik: “Das bisschen Haushalt …” – Alleinerziehend in Salzburg

DO 05.11. – Freies Radio Salzkammergut: Jugend unter Druck

FR 06.11. – Radio Proton: Was können wir von anderen Formen des Zusammenlebens lernen?

MO 09.11. – Radio FRO: ar:m:ut – von der Mut arm zu sein

DI 10.11. – Radio MORA: Reich an Leben – Arm an Möglichkeiten

MI 11.11. – ORANGE 94.0: Vom Roten Wien zum Rotstift-Wien?

DO 12.11. – Radio Freistadt: Geistige Verarmung in einer Überflussgesellschaft

FR 13.11. – Radio Agora: Kinderarmut


Sendungsinhalte

1. Radio Helsinki – Gegen die Dankbarkeit gegenüber dem Sozialstaat
Ein Gespräch mit dem Autor, Publizisten und Dramaturg Thomas Ebermann über die Bewirtschaftung des Menschenmaterials im Sozialstaat.

2. B138 – Soziales Engagement zwischen Blaulicht und Ehrenamt am Land
Das Freie Radio B138 blickt in der Reportage hinter die Kulissen einer sozialen Einrichtung im ländlichen Raum. Das Sendegebiet des Freien Radios im südlichen Oberösterreich wird durch unterschiedliche Akteure im Sozialbereich versorgt. Welche Dienste sind das genau und wie kommen die Menschen zum vielfältigen Angebot. Karin Moser im Gespräch mit Peter Gillesberger vom Roten Kreuz/Ortsstelle Scharnstein. Ein Blick in Zahlen, Daten, Fakten, hinter den Vorhang und in das breite Spektrum des Dienstes beim Roten Kreuz, wo Ehrenamt und Berufstätige, “Alt” und “Jung” gemeinsam Hilfestellung leisten! Wie werden Engpässe überwunden und Wertschätzung hochgehalten, welche Rolle spielen Respekt und die Würde des Menschen … Das Sozialwesen des Roten Kreuzes/Ortsstelle Scharnstein, wie es im Almtal gelebt wird.

3. Radio Ypsilon – Sozialmarkt und Lebensmittelrettung
Der Phoenix Markt Hollabrunn ist ein Projekt zur Lebensmittelrettung und sozialen Unterstützung, das als Sozialmarkt seit Anfang Mai 2025 und seit 1. Oktober als Verein von Klaus und Margot Eder betrieben wird: “Sozialleistungen reichen bei manchen Familien nicht aus, aber es kommen auch Menschen zu uns, die arbeiten – und trotzdem wird es zum Monatsende finanziell sehr eng. Der Bedarf an stark vergünstigten Lebensmitteln ist enorm.” Was sind die Beweggründe für dieses Projekt, wie und von wem wird es angenommen, woher kommen die Produkte?

4. FREIRAD – Auf die Plätze, fertig – Einsparungen!
Ein ironisch-historisches Radioessay. Harry the Boomer präsentiert euch einen Rückblick in die Anfangszeit unserer Sozialgesetze, die heute zunehmend infrage gestellt werden. Viele gesellschaftliche und soziale Entwicklungen der Gegenwart wurzeln in den Jahren 1918–1938. Unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges schuf die Politik weitreichende Reformen – u.a. den Achtstundentag, die Begrenzung der Wochenarbeitszeit von Frauen* in der Industrie, sowie strenge Vorschriften gegen Kinderarbeit. Dabei stießen die sozialpolitischen Regelungen sofort auf Widerstand, weil sie den Interessen von kapitalorientierten oder kapitalistischen Kreisen widersprachen.

Der Widerstand verfolgte das Ziel, die Maßnahmen rückgängig zu machen und bediente sich – stets verbunden mit dem Hinweis auf die Staatsverschuldung – bekannter rhetorischer Bilder: Disziplin bei den staatlichen Ausgaben, Verzicht auf vermeintlich sozial nicht notwendige Leistungen, Sparsamkeit. Neue Theorien der Wirtschaftswissenschaften unterstützten ebenfalls den Widerstand gegen die Reformen. Mehr darüber, und auch wie diese Diskurse mit politischen und sozialen Dynamiken verbunden waren und sind, erfahrt ihr in dem FREIRAD-Beitrag zum österreichweiten Themenschwerpunkt.

Zusammen mit dem Schriftsteller Hugo Bettauer, dem wohl schärfsten Beobachter damaliger sozialer Verhältnisse, begibt sich die Sendung auf eine gedankliche Reise in eine fast unbekannte Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die sich als höchst aktuell erweist. Am Ende der Sendung stehen keine Lösungen. Lediglich Assoziationen dienen als Anregung, über das Heute in einer Form nachzudenken, damit dem Morgen eine Chance gegeben ist, nicht zu enden, wie das Gestern.

5. Radio Freequenns – Armut und psychische Gesundheit – Wenn finanzielle Not zur Krise wird
Welche Auswirkungen haben Armut und soziale Benachteiligung auf die psychische Gesundheit und warum kann ein niedriger sozioökonomischer Status das Risiko für suizidale Krisen erhöhen? In dieser Sendung sprechen wir über wissenschaftliche Erkenntnisse, gesellschaftliche Zusammenhänge, Risikofaktoren und Möglichkeiten der Prävention und Unterstützung. Im Gespräch: Mag. Brigitte Felfer und Anna Pribil, MSc. MA von GO-ON Suizidprävention Steiermark.

6. Campus & City Radio St. Pölten – Zwischen Pausenbrot und leerem Kühlschrank
In Österreich ist fast jedes vierte Kind unter 18 Jahren armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Doch was bedeutet das im Kontext Ernährung? Was landet auf dem Teller, wenn das Geld in der Familie knapp ist? In unserer Sendung sprechen wir über Kinderarmut, Ernährung und soziale Ungleichheit. Wir schauen hin, woran es liegen kann, dass Kinder nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt sind, warum jemand trotz Normal- oder Mehrgewicht mangelernährt sein kann und wie Mahlzeiten preiswert und ausgewogen geplant werden können.

7. Radiofabrik – “Das bisschen Haushalt …” – Alleinerziehend in Salzburg
Kinder betreuen, lohnarbeiten, einkaufen, kochen, putzen, waschen, den Alltag organisieren und gleichzeitig die alleinige finanzielle Verantwortung für die Familie tragen: Für Alleinerziehende ist das Normalität. Care-Arbeit ist für Alleinerzieher*innen ein unbezahlter Job der keinen Feierabend, Krankenstand oder Urlaub kennt. Ein Job, der v.a. Frauen innehaben und das meist neben der Erwerbsarbeit, mit der sie das Einkommen für einen Haushalt stemmen müssen.

Die Reportage begleitet eine alleinerziehende Mutter in Salzburg und beleuchtet ihren Alltag zwischen Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, Mental Load und finanziellen Herausforderungen.

In ihrem vielstimmigen Beitrag geht Redakteurin Katrin Pachinger der Frage nach, ob die bestehenden Unterstützungssysteme greifen, ob ein selbstbestimmtes Leben für Alleinerziehende in Salzburg möglich ist und wo der Sozialstaat Frauen hängen lässt.

8. Freies Radio Salzkammergut – Jugend unter Druck
Gesellschaftliche Ungleichheit macht sich auch im Kinder- und Jugendalter bemerkbar: die “soziale Schere” klafft hier nicht nur finanziell, sondern beim Zugang zu Ressourcen aller Art (Bildung, soziale Kontakte, Sichtbarkeit im öffentlichen Raum…) stark auseinander. Wo gerade eine entscheidende Lebensphase der Identitätsbildung Sicherheit erfordern sollte, dominieren oft Druck und Unsicherheit.

Wo sind Jugendliche heute mit Sparmaßnahmen und zusätzliche finanzielle Belastungen konfrontiert? Welche Schwierigkeiten ergeben sich besonders in ländlichen Tourismusregionen?

9. Radio Proton – Was können wir von anderen Formen des Zusammenlebens lernen?
Die Friedensforscherin Julia Felder und Lisa Präg, Leiterin des Büros für Kollaborationskultur, begaben sich im Sommer nach Secwepemchúluw (in Kanada) auf einer Lern- und Begegnungsreise zu indigenen First-Nations-Gemeinschaften. Sie begegneten Menschen, die trotz einer Geschichte von Kolonialisierung, Gewalt und Enteignung auf starke Formen von Gemeinschaft, gegenseitige Verantwortung und Heilung setzen.

Was können wir aus diesen Erfahrungen für Österreich mitnehmen? Gerade angesichts eines Sozialstaates, der zunehmend unter Druck gerät, stellt sich die Frage: Wie viel soziale Fürsorge kann und soll der Staat leisten – und welche Rolle spielen Gemeinschaft, Solidarität und gegenseitige Verantwortung? Lisa und Julia erzählen von ihren Begegnungen in Secwepemchúluw und sprechen darüber, was ein “reiches” Land eigentlich ausmacht und wie wir in Österreich miteinander leben und füreinander sorgen wollen.

10. Radio FRO – ar:m:ut – Von der Mut arm zu sein
Was bedeutet es eigentlich für einen Menschen in einer Gesellschaft arm zu sein bzw. sich für bestimmte Sozialleistungen arm zu melden? Was hat arm sein mit Mut zu tun? Und wie gehen Menschen mit dem Arm-sein eigentlich um? Ein Gespräch mit einer Psychologin.

11. Radio Mora – Reich an Leben – Arm an Möglichkeiten
Wenn Wohnen, Essen und Energie zur Herausforderung werden: wenn Armut oft nicht sichtbar ist! Arm dran im reichen Burgenland!

12. ORANGE 94.0 – Vom roten Wien zum Rotstift-Wien?
Wien hat lange als die lebenswerteste Stadt der Welt gegolten. Aber das Leben welcher Bewohner*innen ist wie viel wert? Diese Frage stellt sich nach den massiven Kürzungen im Stadtbudget 2026. Muss die Lebensqualität der einen reduziert werden, damit die anderen die Vorzüge ihrer Stadt weiter genießen können?

Welche Teile des Stadtbudgets wofür investiert werden, dem geht dieser Beitrag nach. Dabei wird stadtpolitische Budgetplanung mit realen Auswirkungen konfrontiert, sodass der Ruf nach Einsparungen seine praktische Konsequenz sieht.

13. Freies Radio Freistadt – Geistige Verarmung in einer Überflussgesellschaft
Ein Aufruf zum Umdenken. Was braucht man für ein gelungenes Leben? In einer Zeit des materiellen Wohlstandes verlieren wir zunehmend den Blick für das Wesentliche: Nämlich Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen. Roland Steidl im Gespräch mit Barbara Tröls, Vorsitzende des Vereins Sozialservice Freistadt. Produktion: Claudia Prinz

14. Radio Agora – Kinderarmut
Eine 16-jährige Schülerin hat bei ihren Mitschüler*innen nachgefragt und dazu auch eine Expertenmeinung eingeholt. Eine Sendung darüber, was Kinder in Kärnten über Armut denken und was tatsächlich der Realität entspricht. Oblikovanje I Gestaltung: Teresa Srienz.